Unternehmenswert berechnen: 3 Verfahren an einem Beispiel zum Mitrechnen

Lesezeit: 9 min

Wenige Zahlen gehen so weit auseinander wie der Wert, den dein Unternehmen für dich hat, und der Preis, den ein Käufer dafür zahlen will. Neben der Hoffnung auf hohe Werte, gibt es etablierte Standardverfahren, mit denen du deinen Unternehmenswert berechnen kannst. Hier sind die 3 bekanntesten Methoden.

Unternehmenswert berechnen_Blog

Key Takeaways:

Die Krux mit den astronomischen Unternehmensbewertungen

Am 9. April 2012 kaufte Facebook Instagram für rund eine Milliarde US-Dollar. Instagram hatte damals 13 Mitarbeiter und keinen einzigen Euro Umsatz.

Solche Geschichten landen in den Nachrichten. Und sie setzen sich im Kopf fest, wenn du an dein eigenes Unternehmen denkst. Doch leider sind sie komplette Ausreißer. Hinter solchen Summen stehen strategische Interessen des Käufers, die mit der Ertragskraft des gekauften Unternehmens wenig zu tun haben.

So etwas kann dir auch passieren. Für deine mentale Gesundheit würde ich aber nicht damit rechnen. Sinnvoller ist der Blick darauf, was dein Unternehmen nach den gängigen Verfahren zur Unternehmensbewertung wert ist. Dann weißt du, wo du stehst, wenn ein Käufer anklopft, oder wenn du selbst einen suchst.

Wir schauen uns heute die 3 gängigsten Verfahren zur Unternehmensbewertung an und rechnen sie an einem konkreten Beispiel durch:

Wir rechnen alle drei Verfahren an einem Unternehmen durch. Nimm einen IT-Dienstleister mit diesen Zahlen:

Kennzahl

Wert

Umsatz pro Jahr

2.000.000 EUR

EBIT

200.000 EUR

Free Cashflow

150.000 EUR

Anzahl Mitarbeiter

16 FTE

Weitere Infos: Das Unternehmen läuft stabil und hat diese Zahlen mit kleinen Schwankungen seit ein paar Jahren.

Und nun zu unserer Gretchenfrage: Was ist dieses Unternehmen wert?

Unternehmenswert berechnen mit dem Ertragswertverfahren

Das Ertragswertverfahren ist der Klassiker im deutschsprachigen Raum. Wirtschaftsprüfer bewerten danach in Deutschland nach dem Standard IDW S 1, in Österreich nach dem Fachgutachten KFS/BW 1.

Die Idee dahinter ist recht simpel: Dein Unternehmen ist so viel wert wie die Gewinne, die es in Zukunft abwirft, abgezinst auf heute. In der einfachsten Form lautet die Formel:

Unternehmenswert = nachhaltiger Ertrag ÷ Kapitalisierungszins

Nachhaltiger Gewinn = der Gewinn, den das Unternehmen dauerhaft erwirtschaften kann. In unserem Beispiel sind das 200.000 Euro.

Basiszins = Rendite, die ein Käufer für sein Geld verlangt. Er setzt sich aus drei Bausteinen zusammen:

Quellen: Basiszins = Kleeberg.de , Quelle Marktrisikoprämie = KPMG

Unternehmenswert nach dem Ertragswertverfahren für unser Beispiel =

 

200.000 EUR (nachhaltiger Ertrag) 
÷ 9,75% (3,75% Basiszins + 6% Marktrisikoprämie *1 Beta-Faktor))

 

= ca. 2.051.000 EUR

Das klingt super, aber ob der Markt das wirklich bezahlen wird, bleibt offen, denn das Ertragswertverfahren ist durchaus umstritten:

Die Vorteile sind: Es ist einfach zu rechnen, in Deutschland und Österreich anerkannt und braucht keine aufwendige Prognose.

Der größte Nachteil steckt im Kapitalisierungszins. Wer das Risiko höher einschätzt, bekommt einen deutlich niedrigeren Wert. Mit 12 % wären es nur noch 1,67 Mio. Euro. Außerdem schreibt das Verfahren den heutigen Gewinn in die Zukunft fort. Das hat sich noch selten als realistisch erwiesen

Aber genau diese Schwäche verspricht unser nächstes Verfahren zu lösen, der Discounted Cashflow:

Unternehmenswert berechnen mit dem Discounted-Cashflow-Verfahren

Der Discounted Cashflow schaut in die Zukunft und ermittelt, die zukünftig zu erwartenden Cashflows, abgezinst auf den heutigen Tag.

Discounted Cashflow = zukünftig erwartbare Cashflows ÷ Abzinsungsfaktor

Zukünftig erwartbare Cashflows: Auch wenn es unterschiedliche Ansätze gibt, wird meist mit dem Free Cashflow gerechnet, also dem Geld, das nach laufendem Geschäft und Investitionen übrig bleibt, vor Finanzierung und Gewinnausschüttung.

Den aktuellen Free Cashflow kannst du aus deinem Controlling Tool auf Basis der Buchhaltung ablesen, aber für dieses Verfahren benötigen wir ja die zukünftigen Cashflows und damit benötigst du einen Cashflow Planung für die nächsten 3-5 Jahre.

In unserem Beispiel ist der heutige Free Cashflow bei 150.000 EUR. Wir planen drei Jahre und nehmen an, dass der Free Cashflow jedes Jahr um 20.000 Euro wächst.

Abzinsungsfaktor: Zum Abzinsen wird beim DCF-Verfahren meist ein gewichteter Kapitalkostensatz verwendet, die Weighted Average Cost of Capital (WACC). Er hängt davon ab, wie viel Eigen- und Fremdkapital in deinem Unternehmen steckt. Dazu findest du mehr in diesem Beitrag.

Für unser Beispiel rechnen wir, damit die Verfahren vergleichbar bleiben, mit denselben 9,75% Abzinsungsfaktor wie beim Ertragswert.

Jahr

Free Cashflow

Abzinsung

Errechneter Wert

1

170.000 EUR

9,75%

154.897 EUR

2

190.000 EUR

20,5% (1,0975²)

157.741 EUR

3

210.000 EUR

32,2% (1,0975³)

158.857 EUR

Summe Jahr 1-3

570.000 EUR

471.495 EUR

471.495 EUR, das klingt doch viel zu wenig? Ist es auch, denn dein Unternehmen gibt es hoffentlich länger als noch drei weitere Jahre. Deshalb kommt der Restwert dazu, die sogenannte ewige Rente. Wir nehmen an, dass der Free Cashflow aus Jahr 3 ab dem vierten Jahr gleich bleibt und damit haben wir:

Unternehmenswert nach dem Discounted Cashflow Verfahren für unser Beispiel  =

471.495 EUR (errechneter Wert für die nächsten 3 Jahre)

+ 1.629.300 EUR (ewige Rente 210.000 EUR ÷ 9,75% ÷ 32,3%  abgezinst auf heute)

= ca. 2.100.795 EUR

Damit liegt der Discounted Cashflow Wert für unser Beispiel knapp über dem Ertragswert und auf den ersten Blick scheint er besser, weil er in die Zukunft denkt.

Die Vorteile sind: Das Verfahren belohnt Wachstum und es berücksichtigt die zukünftige Entwicklung stärker als den heutigen Gewinn oder Cashflow. 

Der große Nachteil ist: Das Wachstum ist nicht unendlich. Rund drei Viertel des Werts stecken in der ewigen Rente, also in der Annahme, dass alles ab Jahr 4 für immer so weiterläuft. Das ist eine mutige bis naive Prognose in die Zukunft.

Pro Tipp: Rechne das Verfahren immer mit mindestens zwei Annahmen zum Wachstum. Wenn der Wert zwischen den beiden Varianten stark auseinanderläuft, weißt du, worüber ein Käufer mit dir verhandeln wird. Wie das in der Planung geht, zeige ich im Beitrag zur Szenarioplanung.

Unternehmenswert berechnen mit dem Multiplikatorverfahren

Wenn dir die Zinsrechnerei zu mühsam ist, bleibt uns noch das wahrscheinlich einfachste aller Verfahren zur Unternehmensbewertung übrig, das Multiplikatorverfahren.

Die Logik ist simpel: Du nimmst eine Kennzahl aus deiner Gewinn- und Verlustrechnung, meist das EBIT, und multiplizierst sie mit einem Faktor, der für Unternehmensverkäufe in deiner Branche üblich ist.

Multiplikator = Gewinn oder Umsatz * Multiple Faktor

Die Faktoren musst du nicht selbst kennen. Die kommen aus Datenbanken, die echte Kaufangebote und Transaktionen von kleinen und mittleren Unternehmen sammeln und nach Branche, Größe und Land auswerten. Für Deutschland sind das zum Beispiel die Deutsche Unternehmerbörse (DUB) oder NIMBO.

Für unseren IT-Dienstleister schauen wir bei NIMBO nach folgenden Kriterien:

Unternehmenswert berechnen Multiples

Unternehmenswert nach dem Multiplikator Verfahren für unser Beispiel  = 

 

200.000 EUR (EBIT)

* 7,9 (EBIT Multiple)

 

= 1.580.000 EUR

Mit diesem Verfahren steigt unser Beispiel am schlechtesten aus und das ist auch logisch, denn der errechnete Ertragswertzins war höher (10% vs. 7,9) und im Discounted Cashflow haben wir mit Wachstum gerechnet, aber in beiden Fällen haben wir den Markt ignoriert.

Die Vorteile des Multiplikatorverfahrens sind: Das Verfahren ist leicht zu berechnen und beruht auf echten Markttransaktionen.

Die offensichtliche Nachteile sind die Annahme, dass der aktuelle Gewinn ewig bleibt und dass der Durchschnitt der Verkaufswerte auch für dein Unternehmen gilt. Sonst hätte Instagram mit 0 EUR Umsatz und Verlusten wohl keine Milliarde bekommen.

Drei Verfahren, drei Antworten. Und was zählt noch?

Unser IT-Dienstleister ist also zwischen 1,52 und 2,05 Mio. Euro wert. Eine Spanne von über 500.000 Euro für dasselbe Unternehmen.

Das mag irritierend wirken, ist aber in Ordnung, denn jedes Verfahren beantwortet eine andere Frage. Wenn du verkaufen willst, solltest du genau diese Spanne kennen, bevor der Käufer sie dir vorrechnet.

Die Verfahren liefern einen Anhaltspunkt. Doch in der Realität wirken noch zumindest vier weitere Fragestellungen massiv auf den Wert deines Unternehmens ein:

🎯 Sofortmaßnahme:  Nimm deine Gewinn- und Verlustrechnung und deine Cashflow-Rechnung. Rechne damit deinen Ertragswert und Multiplikatorwert mit dem NIMBO-Faktor deiner Branche. Für eine erste Spanne brauchst du dafür keine Stunde. Für den Rest konsultiere bitte Controlling Profis.

Fazit: Adam hat immer Recht

Die drei Verfahren sagen dir, wo diese Verhandlung anfängt. Und wenn du die Hebel kennst, weißt du auch, woran du arbeiten kannst, bevor sie beginnt.

Aber bei allen Formeln, Zinsen und Faktoren gilt am Ende dieselbe Regel wie bei jedem Verkauf. Der Preis ergibt sich aus Angebot und Nachfrage. Aus dem, was du bereit bist zu akzeptieren, und dem, was ein Käufer bereit ist zu zahlen.

Das ist die unsterbliche Logik von Adam. Adam Smith, nicht unser Adam.

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Die wichtigsten Fragen des Beitrags noch mal auf einen Blick

Die drei gängigen Verfahren sind das Ertragswertverfahren, das Discounted-Cashflow-Verfahren und das Multiplikatorverfahren. Für eine erste Einschätzung reicht das Multiplikatorverfahren: EBIT mal branchenüblichem Multiple. Belastbarer wird der Wert, wenn du alle drei Verfahren rechnest und die Spanne betrachtest

Jedes Verfahren beantwortet eine andere Frage. Das Ertragswertverfahren ist in Deutschland und Österreich der Standard der Wirtschaftsprüfer. Das DCF-Verfahren bildet Wachstum ab und ist international verbreitet. Das Multiplikatorverfahren zeigt, was der Markt aktuell zahlt. Käufer und Verkäufer nutzen meist mehrere Verfahren nebeneinander.

Das hängt stark von Branche und Größe ab. Laut NIMBO liegt das EBIT-Multiple für deutsche Unternehmen mit 6 bis 25 Mitarbeitern zwischen 4,6 im Handwerk und Bau und 7,9 bei Software und IT-Dienstleistungen (Stand September 2026).

Ich bin neugierig auf eure Erfahrungen!

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Bernhard Frühlinger

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